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Stuttgart: Auf Hochtouren

Eine der CMT-Neuheiten: Mercedes-Benz X-Klasse mit Tischer. Foto: Werk

In Europa wurden 2017 über 110.000 Reisemobile neu zugelassen, damit war man erstmals im sechsstelligen Bereich. Dazu europaweit fast 80.000 Wohnwagen. Bemerkenswert: Deutschland bleibt zwar die Lokomotive, doch alle anderen Märkte, einschließlich der viele Jahre darbenden südeuropäischen Länder, ziehen jetzt mit.

"Caravaning trifft den Nerv der Zeit und ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen", sagt David Onggowinarso, der Geschäftsführer des Caravaning-Industrieverbands (CIVD). Die Bilanz wurde auf der CMT in Stuttgart verkündet, die von den Herstellern seit jeher als Plattform für die Präsentation neuer Modelle zur Saisonhalbzeit genutzt wird. Der Boom ruft weitere Marken auf den Plan, die ebenfalls etwas von dem Kuchen abhaben wollen.

Reisemobile

Zu diesen Neulingen zählt die Lkw-Schmiede MAN, die für den Transporter TGE, ein Schwestermodell des VW Crafter, zwei Konzeptfahrzeuge präsentierte. Einmal einen Campervan-Klassiker mit fest eingebauten Möbeln, Sanitärabteil und Aufstelldach, einmal einen multifunktionalen Ausbau mit herausnehmbaren Elementen. MAN muss aber erst Vertriebsstrukturen für den Caravaning-Sektor entwickeln.

Mercedes-Benz nutzte das Heimspiel bei der CMT in Stuttgart, um die Pick-Ups der neuen X-Klasse als Basis für Absetzkabinen und Expeditionsfahrzeuge ins Rampenlicht zu rücken. Einen besonders gelungenen Eindruck macht die Kombination mit einer 230er-Kabine von Tischer-Trail, die wie die X-Klasse für Abenteuer und Komfort zugleich steht.

Kurz nach der CMT hat Mercedes-Benz dann den neuen Sprinter vorgestellt, der in der Klasse von 3,5 bis 5,5 to Gesamtgewicht sowie mit Front-, Heck- und Allradantrieb antritt. Die leichteren Frontantriebsversionen können mit Al-Ko-Chassis speziell für Reisemobilbauer kombiniert werden.

Bei den integrierten Reisemobilen der Oberklasse bis hin zu den Linern gibt es eine starke Tendenz zu Hecksitzgruppen. Concorde überträgt das aus dem 890 RRL bekannte Konzept nun auf den 8 m langen Carver 791RL.

Carthago zeigt im Frühjahr den Liner-for-two, der eine elektrisch zur Chaiselongue ausfahrbare Querbank hinter der L-Küche hat.

Einen anderen Weg geht Eura-Mobil beim Typ 700 HB in der neuen Integra-Baureihe. Direkt vor dem Querbett im Heck ist das Waschbecken des großen Raumbades montiert. Damit ergibt sich ein großzügiger Zugang zur Liegefläche. Eine verspiegelte Schiebetür zum Bett und eine weitere Schiebetür zur Küche vorn schaffen Intimsphäre.

Karmann-Mobil setzt mit dem Dexter 560 Trend 4x4 auf einen allradgetriebenen Ford Transit in der 3,5-t-Klasse Hymer ergänzt die Integrierten der B-Klasse SL um den Typ 674 mit Einzelbetten im Heck und steigt mit der neuen Serie Free in den hartumkämpften Markt der preisgünstigen Campervans auf Fiat Ducato ein.

Vom Campingbus zum Reisemobil: Ford und Westfalia stellen den Klassiker Nugget in der Plus-Version auf ein 37 cm längeres Fahrgestell und nutzen den gewonnenen Raum für eine Kassettentoilette und ein Klappwaschbecken.

Campingbusse

Kastenausbauten, auch Campervans genannt, und Campingbusse befeuern ganz wesentlich den Boom in der Caravaning-Branche. Wobei viele Campingbusse vom Format eines VW T6 oder eines Ford Transit Custom als Pkw angemeldet werden und daher nicht in der Statistik der Caravaning-Branche mitzählen.

Das gilt auch für die 15155 California-Campingbusse, die VW im Jahr 2017 hergestellt und zu einem Teil exportiert hat. Das Plus von 18 Prozent bedeutet ebenfalls einen neuen Allzeitrekord. Das lässt die Wettbewerber nicht ruhen: Nissan vertreibt künftig seinen Transporter NV300 auch als Campingbus Michelangelo, von Westfalia gefertigt und mit üppiger Ausstattung versehen.

Der Innenraum folgt dem üblichen Muster mit Küchenzeile links und bis zu sechs Einzelsitzen, dazu maximal vier Schlafplätze (ab 58000 Euro). Auf diese Raumaufteilung setzt ebenso die französische Marke Dreamer mit dem Cap Coast auf Ford Transit Custom.

Wohnwagen

Das gewaltige Plus bei den Caravans hat Bedeutung über die Jahresbilanz hinaus: Wohnwagen werden vorrangig von jungen Familien geordert. Also ist der Nachwuchs für alle Arten von Caravaning gesichert, denn Wohnwagenfreunde wechseln später gern in die Wohnmobilfraktion; ihre Kinder haben Camping von klein auf erlebt, dürften dieser Urlaubsform also zeitlebens aufgeschlossen gegenüberstehen.

Festzustellen ist ein Trend zu hochgesetzten Querbetten im Bug mit vorgelagerter Dinette. wie Dethleffs mit dem C`Joy 480 QLK, der es bei 6 m Aufbaulänge auf bis zu sieben Schlafplätze bringt.

Als Versuchsballon präsentierte Dethleffs in Stuttgart einen Caravan mit ausklappbarem Erker am Heck, in dem sich ein 185 mal 70 cm großes Einzelbett versteckt.

Auf Retro-Chic setzt die Hymer-Wohnwagenmarke Eriba mit den blau oder rot lackierten Touring-Modellen Ocean Blue und Rockabilly, die auf dem Troll 530 basieren. Einen Blick in die Zukunft gewährt dagegen LMC mit dem Aktionsmodell Vivo 532K, denn sein Möbeldekor und die neugestalteten Heckleuchten werden die Caravans aus dem Münsterland ab Herbst 2018 prägen.

Zubehör

Die Fahrwerkspezialisten von Al-Ko präsentieren das Wohnwagen-Stützensystem UP4, das mit dem Al-Ko-Rangierantrieb Ranger kompatibel ist.

Das vollautomatische Reisemobil-Nivelliersystem HY4 gibt es jetzt auch für das Originalchassis des Fiat Ducato X250.

Truma erweitert das iNet-System um ein App-Feature speziell für Haustierbesitzer: Der Hitzealarm sendet Kunden eine SMS, wenn die Temperatur im Fahrzeug einen voreingestellten Wert übersteigt. Die Klimaanlage lässt sich dann von unterwegs per Smartphone einschalten.

Text: Hans Gillitzer